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Martina Fromhold-Eisebith: "Es hängt alles zusammen"

Eine Erneuerung von unten – so beschreibt Martina Fromhold-Eisebith im Interview den Wandel in NRW. Die Professorin für Wirtschaftsgeographie an der RWTH Aachen über das Erfolgsgeheimnis des Bundeslandes.

Martina Fromhold-Eisebith: „Wissen in die  Wirtschaft tragen“ (Bild: privat)
Martina Fromhold-Eisebith: „Wissen in die Wirtschaft tragen“ (Bild: privat)

Eine Zwangsehe: Nordrhein-Westfalen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus verschiedenen Provinzen geschaffen. Welche ist die erfolgreichste Region des Patchwork-Bundeslands?
Es gibt keinen absoluten Spitzenreiter. Prinzipiell sind die Teile erfolgreich, die den Strukturwandel mitgemacht haben. Also weg von den traditionellen Branchen wie Stahl, Montan, Textil und Nahrungsmitteln hin zu wissensintensiveren Industrien.

Warum war der Strukturwandel nötig?
Dazu muss man die Situation Nordrhein-Westfalens im Zusammenhang mit der Globalisierung sehen. Früher hat sich das Land auf seine Bodenschätze gestützt. In vielen Ländern der Welt sind Rohstoffe aber günstiger, weil sie billiger gefördert werden können. NRW ist da einfach viel zu teuer. Seit den 1960er-Jahren ist klar, dass das Ruhrgebiet so nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Als neues Standbein wurde damals die Ressource Wissen ausgemacht. Allerdings gab es Defizite in der Bildung. Deshalb musste der Wissensstand gefördert werden. Und so hat die Regierung Hochschulnetze und Forschungszentren gegründet, um die Grundlagenforschung voranzutreiben.

Wie nutzt ein besserer Wissensstand der Wirtschaft?
In ganz NRW wurden Technologie und Gründerzentren eingerichtet. Sie helfen Absolventen und Professoren dabei, aus der Hochschule heraus Unternehmen zu gründen, um ihr Wissen der Wirtschaft bereitzustellen. Das Wissen wird also in die Wirtschaft getragen und dort genutzt. Mit der Verbesserung der Bildung hat so eine Erneuerung von unten her stattgefunden.

Haben die alten Branchen damit ausgedient?
Nein, Nordrhein-Westfalen kann aus den alten Branchen Nutzen und Wissen ziehen. Speziell was die Entwicklungen in der Umwelttechnik und den regenerativen Energien angeht, kann die Forschung Erfahrungen aus der Vergangenheit mitnehmen.

Wie intensiv ist die landesweite wirtschaftliche Zusammenarbeit?
Zwischen den Regionen passiert im Land relativ wenig. Die Industrie- und Handelskammern geben den wirtschaftlichen Rahmen vor. Im Prinzip findet die wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb dieser Grenzen statt, nicht darüber hinaus. Ein konkretes Beispiel: die Metropolregion Rhein-Ruhr. Hier hat die deutsche Ministerkonferenz für Raumordnung versucht, von außen einen Zusammenschluss zu schaffen. Tatsächlich funktioniert das aber nicht so gut wie geplant. In den Zentren der Metropolregion arbeiten die Kreise eher isoliert. Aachen etwa arbeitet eher auf der euregionalen Ebene zusammen, also mit den Nachbarstaaten Belgien und den Niederlanden.

Bleibt also auch das Geld nur in diesen Grenzen?
Das ist schwierig zu sagen. Denn durch Pendler sind die Räume miteinander verflochten. Das Ruhrgebiet etwa ist funktional in die weitere Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen eingebunden. Viele Menschen, die im Ruhrgebiet arbeiten, leben auf dem Land und geben dort ihr Geld aus. Es hängt alles eng zusammen.

Stadt oder Land – wer ist der Gewinner des Strukturwandels?
Die ländlichen Regionen sind keinesfalls rückständig. Sie bieten die bessere Wohnlage und ziehen so die Menschen an. In den Zentren wird das Geld verdient, zu Hause wird es ausgegeben. Das betrifft alle Bereiche des Privatlebens. Deshalb hat der Einzelhandel in den ländlichen Regionen eine gute Nachfrage. Die Gewinner sind darum die ländlichen Regionen, die nahe an Ballungsräumen liegen.

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Datum: 10/09
Interview: Claudia Feuerer

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