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Martin Wehrle: "Es gibt auch Schirme"

Meetings bis der Arzt kommt und Bürokratie ohne Ende. Das ist der ganz normale Büroalltag in deutschen Firmen, behauptet der Buchautor Martin Wehrle („Ich arbeite in einem Irrenhaus“, Econ).

Martin Wehrle: "Von drei Unternehmen ist mindestens eins ein Irrenhaus." (Bild: Fromann Ronald)
Martin Wehrle: "Von drei Unternehmen ist mindestens eins ein Irrenhaus." (Bild: Fromann Ronald)

Herr Wehrle, Sie haben bei der Recherche zu Ihrem Buch ganz schön viel Irrsinn gesammelt. Haben Sie das so erwartet?
Ja. Als Karriereberater spreche ich täglich mit Mitarbeitern, die in kleineren, aber auch großen, bekannten Unternehmen arbeiten. Da hat sich mein Bild von der Wirtschaft völlig geändert. Bekannte Konzerne mit wohlklingenden Namen haben sich beim Blick nach innen als völlig chaotisch entpuppt. Mir war es wichtig, den Menschen zu zeigen: Es ist nicht nur in deiner Firma schlimm, da gibt es noch ganz andere Fälle.

Wenn man das erkennt, hat das auch etwas Tröstliches. Was war denn für Sie der kurioseste Fall?
Nachhaltig in mein Gedächtnis eingegraben hat sich der Fall eines Geschäftsführers eines Sportartikelherstellers. Er stellte beim Blick in die Krankenstatistik fest, dass seine Mitarbeiter zu oft krank seien – obwohl die Zahlen ganz durchschnittlich waren. Um das vermeintliche Krankfeiern einzudämmen, setzte er für alle Mitarbeiter, die im Folgejahr keinen einzigen Tag krank wären, eine Prämie aus. Als im Herbst eine Grippewelle aufzog, wollten viele Mitarbeiter die Prämie haben. Sie schleppten sich dann niesend und schnupfend in die Firma, bis sich alle angesteckt hatten. Am Ende war das Unternehmen fast unbesetzt – auch der Geschäftsführer war krank. So hat er durch sein Misstrauen das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.

Ist der Büroalltag in deutschen Unternehmen wirklich überall so schlimm?
Nein, überall kann man nicht sagen, aber in vielen Fällen. Von drei Unternehmen ist mindestens eins ein Irrenhaus. Und beim zweiten muss man ganz genau hinschauen. Aber es ist auch ein vernünftiges darunter – meistens eine mittelständische Firma, die die Mitarbeiter wertschätzt. Man fragt sich da ernsthaft, warum die deutsche Wirtschaft auch international noch so gut dasteht.

Das ist ja ein rabenschwarzes Bild von den deutschen Arbeitgebern, das Sie da zeichnen. Was heißt das für Berufseinsteiger?
Dass es wichtig ist hinzuschauen, in welchem Unternehmen ich anfange. Das klassische Bild ist ja: Der Bewerber ist Bittsteller beim Unternehmen. Aber das ist heute anders. Wer heute qualifiziert ist, sein Studium gut abschließt – vielleicht auch noch in einem gefragten Fach –, kann einmal einen genaueren Blick auf das Unternehmen werfen. Und zwar nicht nur von außen, sondern indem er über soziale Netzwerke das Gespräch mit Menschen sucht, die schon drin sind. Die wissen, was wirklich in der Firma los ist. Dann kann man bewusst sagen: Diese Unternehmenskultur passt zu mir oder nicht.

Und woran kann man erkennen, in welche Richtung es geht?
Es gibt Frühwarnsignale: Wenn eine Anzeige für denselben Job innerhalb von einem halben oder ganzen Jahr immer wieder geschaltet wird, ist das ein Warnsignal. Entweder möchte niemand dort anfangen oder es werden immer wieder Leute eingestellt und in der Probezeit entlassen. Das liegt dann selten an den Leuten, sondern vielmehr an dem Unternehmen, der Einarbeitung oder der Kultur.

Gibt es weitere Indizien?
Wenn für eine mittlere Position oder gar für eine Einsteigerposition per Headhunter gesucht wird, ist das oft ein Zeichen für Geheimniskrämerei. Oder auch dafür, dass der, der den Job noch hat, hinter seinem Rücken schon abgeschrieben ist. Headhunter-Anzeigen sind nur dann normal, wenn es wirklich um seltene Fach- oder Führungspositionen geht. Im Vorstellungsgespräch ist es ganz wichtig zu beobachten, wie die Gesprächsführer miteinander umgehen. Wie behandeln sie die Sekretärin, die den Kaffee bringt? Wenn die zu mir wunderbar freundlich sind, aber die Sekretärin keines Blickes würdigen, habe ich dadurch viel über die wahre Kultur dort erfahren.
Im zweiten Teil des Interviews: Assessment Center trainieren - Tipps für Introvertierte

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